TMS für Gefahrguttransporte: 7 Anbieter im Vergleich

7 TMS- und Gefahrgutlösungen für ADR-, IMDG- und IATA-Dokumente im Vergleich: Funktionen, Rechenzentrum, Zielgruppe und Grenzen für DACH-Verlader.

TMS für Gefahrguttransporte: 7 Anbieter im Vergleich

TMS für Gefahrguttransporte: 7 Anbieter im Vergleich

Wer Chemikalien, Batterien, Aerosole oder andere gefährliche Güter verlädt, kennt das Problem: Das Standard-TMS kann Sendungen buchen, Frachtraten vergleichen und Track & Trace anzeigen, aber sobald eine UN-Nummer ins Spiel kommt, beginnt die Excel-Tabelle oder der Griff zum Gefahrgutbeauftragten. Für Verlader in Chemie, Pharma und Industrie ist Gefahrgut-Funktionalität deshalb kein Nice-to-have, sondern ein hartes Auswahlkriterium bei der TMS-Beschaffung. Dieser Beitrag ordnet sieben Anbieter danach ein, wie tief sie ADR-, IMDG- und IATA-DGR-konforme Dokumentation abbilden, ob sie DACH-tauglich sind und wie eng die Integration in ein bestehendes TMS ausfällt.

Der rechtliche Rahmen ist eindeutig: Für Straße, Schiene, Binnenschiff, See und Luft gelten unterschiedliche Regelwerke. Für den Straßenverkehr gilt das ADR-Übereinkommen, für die Eisenbahn das RID, für die Binnenschifffahrt das ADN, für die internationale Seeschifffahrt der IMDG-Code und für den Luftverkehr die ICAO-TI, die von der IATA in den IATA-DGR übernommen werden. Eine Falschdeklaration nach einem dieser Regelwerke kann zur Transportverweigerung durch den Frachtführer führen, im schlimmeren Fall zu Bußgeldern. Genau hier setzt der Vergleich an.

Nach welchen Kriterien wir bewertet haben

Drei Kriterien, gleich angewendet auf jeden Eintrag:

  • Die Lösung muss aktiv ADR-, IMDG- oder IATA-DGR-Dokumente erzeugen, nicht nur mit dem Begriff "Gefahrgut" werben.
  • DACH-Tauglichkeit: Sprache, Support und wo möglich Rechenzentrumsstandort in der EU.
  • Integrationstiefe: volles TMS mit Gefahrgutmodul versus reine Dokumentations-Speziallösung, die neben einem bestehenden TMS/ERP läuft.

Diese Trennung ist wichtig. Ein Konzern mit SAP-Landschaft braucht etwas anderes als ein Mittelständler, der zehn Gefahrgutsendungen im Monat abwickelt.

Die sieben Anbieter im Detail

1. Cargoson

Cargoson ist ein Multi-Carrier-TMS mit nativer Gefahrgut-Eingabe direkt im Buchungsprozess. Die Software bietet eine integrierte Gefahrgut-Eingabe mit Autovervollständigung für UN-Nummern und korrekte Versandbezeichnungen und generiert ADR-konforme Erklärungen für die Straße, IMDG-Dokumentation für die Seefracht und IATA-Erklärungen für die Luftfracht. Referenzkunde ist Chemi-Pharm AS, ein Hersteller von Desinfektionsmitteln und Spezialchemikalien, der beim Wachstum mit 4-5 Transportpartnern parallel arbeiten musste und ein System für Hazmat-Dokumentation und grenzüberschreitende Compliance suchte. Zielgruppe ist der Chemie-Mittelstand mit mehreren Verkehrsträgern und mehreren Carriern gleichzeitig. Preislich starten die Pläne bei 299 US-Dollar pro Monat. Grenze: Das Carrier-Netzwerk ist kleiner als bei Enterprise-Platzhirschen, was bei sehr komplexen Multi-Werk-Szenarien mit Dutzenden Ladestellen relevant werden kann.

2. AEB SE

AEB aus Stuttgart deckt mit seinem TMS-Modul praktisch alle relevanten Regelwerke gleichzeitig ab. Das System berücksichtigt Gefahrgutbestimmungen für ADR, IATA/ICAO-TI, RID, ADN und IMDG, inklusive Sonderfälle: Versand besonderer Gefahrguttypen wie Lithium-Batterien und Trockeneis, Begrenzte Menge (LQ) und Freigestellte Menge (EQ) sowie für die USA auch ORM-D und Small Quantity. Das Modul deckt Teil- und Komplettladungen für Straßentransport, See- und Luftfracht ab. Zielgruppe: Industrie- und Chemieunternehmen mit mehreren Verkehrsträgern, die eine vollintegrierte Lösung statt eines Zusatzmoduls wollen. Grenze: Der Funktionsumfang bringt entsprechenden Implementierungsaufwand mit sich, deutlich mehr als bei einer schlanken Dokumentenlösung.

3. ecovium

ecovium positioniert sein TMS über eine externe Zertifizierung. Die TMS-Lösungen wurden von der Dekra hinsichtlich der ADR-Anforderungen zertifiziert, wobei die Dekra als anerkannte Institution mit strengen Standards gilt. Für Einkäufer, die eine Software-Freigabe nicht nur auf Herstellerangaben stützen wollen, ist das ein handfestes Argument. Zielgruppe: Speditionen und Verlader, die Wert auf einen externen Nachweis legen statt auf reine Eigenaussagen des Herstellers. Grenze: Öffentlich zugängliche Produktdetails zu Preisen und Rechenzentrumsstandort sind knapper als bei den anderen Anbietern in diesem Vergleich.

4. LIS WinSped

WinSped aus Greven ist eine der meistgenutzten Speditionslösungen in Deutschland. Das Gefahrgutcenter (GGC) unterstützt bei der ADR-konformen Erfassung und Anwendung aktueller Gefahrgutdaten für die Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße, die optional von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) bereitgestellt werden. Das Modul wurde später erweitert: WinSped unterstützt neben der Straße auch Luft- und Seefracht sowie den Schienen- und Binnenverkehr, mit einer Integration der BAM-Daten zur Einhaltung aller Richtlinien. Zielgruppe: Speditionen und Industrieunternehmen mit Automotive-Bezug, die eine modulare, seit Jahrzehnten etablierte Lösung suchen. Grenze: Der Fokus liegt historisch stärker auf der Speditionsseite als auf dem verladerseitigen Multi-Carrier-Betrieb.

5. DGOffice

DGOffice ist eine reine Gefahrgut-Dokumentationssoftware, kein TMS. Es handelt sich um eine Online-Softwarelösung für das Management von Gefahrgütern und Chemikalien, die sich an Anwender richtet, die Dokumente und Etiketten für gefährliche Güter erstellen müssen, mit verschiedenen Modulen von Transport & Logistik bis Produktion, Lagerung und Chemikalienmanagement. Die Multimodalität ist ausgeprägt: Die Software unterstützt verschiedene Transportarten (Luft, See, Straße, Schiene) und deckt unter anderem Shipper's Declarations für Luftfracht, MO41 für Seefracht, NOTOC-Erstellung und Straßen-Gefahrgutdeklarationen ab. Zielgruppe: Unternehmen mit bestehendem TMS/ERP, die nur die Gefahrgutlücke schließen wollen. Grenze: keine Frachtratenvergleiche, keine Sendungsverfolgung, keine Carrier-Anbindung.

6. DGAssistant

Ähnlich positioniert wie DGOffice, aber mit anderem Preismodell. DGAssistant ist eine Software zur Verwaltung von Gefahrguttransporten gemäß ADR, IATA und IMDG, die sich an Unternehmen richtet, die Gefahrstoffe, Chemikalien und Abfälle befördern. Die Software ermöglicht die Erstellung normgerechter Dokumentationen und die Verwaltung relevanter Daten wie Absender, Beförderer und Empfänger, mit Preisen ab 400 US-Dollar pro Jahr. Die API-Variante liegt laut Preisangabe bei 290 Euro pro Jahr für den JSON REST API-Zugang. Zielgruppe: kleinere und mittlere Verlader mit überschaubarem Gefahrgutvolumen, die eine günstige Ergänzung zum bestehenden System suchen. Grenze: identisch zu DGOffice, reine Dokulösung ohne Frachtbeschaffung.

7. VTA Software

VTA ist eine Speziallösung für Tanklager, Raffinerien und Chemieanlagen, kein netzwerkweites TMS. Es handelt sich um ein All-in-one-Tool für die Abwicklung von Gefahrgut, das Versand-, Transport- und ADR/ADN/RID-Dokumente in einem Werkzeug kombiniert. Zielgruppe: standortgebundene Verladeprozesse in der Chemie- und Kraftstoffbranche. Grenze: kein Ersatz für ein TMS im Sinne von Frachtbeschaffung oder Carrier-Management, sondern Ergänzung an der Rampe.

Die Anbieter im direkten Vergleich

AnbieterVerkehrsträgerVolles TMS?DACH-SupportTypische Zielgruppe
CargosonStraße, See, LuftJaNicht veröffentlichtChemie-Mittelstand, Multi-Carrier
AEB SEStraße, Schiene, See, Luft, BinnenschiffJaDeutschsprachig, StuttgartIndustrie/Chemie, mehrere Modi
ecoviumStraße (Dekra-zertifiziert)JaNicht veröffentlichtSpeditionen, Verlader mit Zertifizierungswunsch
LIS WinSpedStraße, Luft, See, Schiene, BinnenschiffJaDeutschsprachig, GrevenSpeditionen, Automotive-Verlader
DGOfficeStraße, See, Luft, SchieneNein (Doku-Software)Nicht veröffentlichtErgänzung zu bestehendem TMS/ERP
DGAssistantStraße, See, LuftNein (Doku-Software)Nicht veröffentlichtKleinere Gefahrgutvolumen
VTA SoftwareStraße, Schiene, See, PipelineNein (Anlagensteuerung)DeutschsprachigTanklager, Raffinerien, Chemieanlagen

Rechtlicher Rahmen: GGVSEB als deutsche Klammer

In Deutschland setzt die Gefahrgutverordnung Straße, Eisenbahn und Binnenschifffahrt (GGVSEB) die internationalen Übereinkommen ADR, RID und ADN in nationales Recht um. Für Verlader bedeutet das: Die Pflicht zur korrekten Klassifizierung, Verpackung und Dokumentation liegt beim Versender, unabhängig davon, ob der beauftragte Frachtführer die Sendung am Ende annimmt. Wer eFTI-Themen oder ISO-14083-Reporting bereits im Blick hat, kennt das Muster: Compliance-Pflichten verschieben sich zunehmend auf die Verladerseite, nicht auf den Dienstleister.

Speziallösung oder TMS-Modul? Eine kurze Entscheidungshilfe

Vor der Auswahl lohnt sich eine ehrliche Bestandsaufnahme anhand von vier Fragen:

  • Wie viele Gefahrgutsendungen laufen pro Monat über welche Verkehrsträger?
  • Wird nur ein Verkehrsträger bedient (z. B. reine Straße) oder mehrere gleichzeitig (Straße plus See plus Luft)?
  • Existiert bereits ein TMS oder ERP, in das eine Dokulösung nur eingebunden werden müsste?
  • Wie tief soll die Integration sein: reine Etikettenerstellung oder vollautomatisierte Frachtbuchung mit Gefahrgutprüfung im selben Schritt?

Bei wenigen Gefahrgutsendungen im Monat und einem bestehenden TMS reicht häufig eine schlanke Dokulösung wie DGOffice oder DGAssistant neben dem laufenden System. Wächst das Volumen über mehrere Verkehrsträger und mehrere Carrier hinweg, wird ein TMS mit nativer Gefahrgutfunktion wirtschaftlicher, weil Doppelerfassung entfällt und die UN-Nummer nur einmal im Buchungsprozess eingegeben werden muss.

Fazit: Keine Einheitslösung, aber klare Zuordnung

Es gibt kein universell bestes TMS für Gefahrguttransporte, sondern eine Zuordnung nach Unternehmensprofil. AEB SE und LIS WinSped decken die meisten Verkehrsträger nativ ab und eignen sich für Verlader mit komplexen, multimodalen Sendungsstrukturen. Cargoson punktet dort, wo Chemie-Mittelständler mehrere Carrier parallel steuern und die Gefahrgut-Eingabe direkt im Buchungsprozess brauchen. ecovium liefert mit der Dekra-Zertifizierung ein zusätzliches Prüfargument für die Beschaffungsentscheidung. DGOffice und DGAssistant bleiben die richtige Wahl, wenn ein TMS bereits steht und nur die Dokumentationslücke geschlossen werden muss. VTA Software gehört an die Rampe, nicht ins Netzwerk-TMS. Vor der nächsten Ausschreibung lohnt sich ein Testlauf mit den eigenen UN-Nummern und Verkehrsträgern, nicht mit den Demodaten des Anbieters.