Carrier-Anbindung im TMS: Sieben Plattformen verglichen
Sieben TMS-Anbieter im Vergleich nach Carrier-Anbindungstempo, API-Tiefe und Kosten pro neuem Frachtführer — mit Blick auf die eFTI-Frist 2027.
Wer heute ein TMS für den DACH-Mittelstand auswählt, stößt in jedem Pitch auf den gleichen Satz: "Wir sind mit DB Schenker, DHL und DSV verbunden." Die eigentliche Frage lautet aber nicht, ob ein Carrier irgendwo im Netzwerk auftaucht, sondern wie diese Anbindung technisch funktioniert, wie lange sie beim nächsten, bislang unbekannten Spediteur dauert und was sie kostet. Dieser Vergleich ordnet sieben Plattformen für TMS Carrier-Anbindung danach ein, wie schnell und wie "echt" (API statt reiner EDI-Datei) eine neue Carrier-Verbindung tatsächlich zustande kommt, und warum das ab 2027 kein IT-Detail mehr ist, sondern eine Compliance-Frage.
Warum Carrier-Anbindung jetzt zum Auswahlkriterium wird
Mit der eFTI-Verordnung (EU) 2020/1056 beginnt am 9. Juli 2027 die volle Anwendungspflicht. Ab dem 9. Juli 2027 wird die eFTI-Verordnung in vollem Umfang gelten. Die Behörden der Mitgliedstaaten müssen die von den Betreibern über zertifizierte eFTI-Plattformen elektronisch übermittelten Informationen akzeptieren. Für Verlader bleibt die Nutzung zunächst freiwillig, aber die Verordnung verändert den Status digitaler Frachtdaten bei Kontrollen fundamental: Für Unternehmen besteht zunächst keine Pflicht zum Abschied vom Papier, die Nutzung von eFTI bleibt freiwillig. Verpflichtet sind die Behörden, den digitalen Weg zu ermöglichen.
Das verschiebt die Carrier-Anbindung von einer IT-Komfortfrage zu einer Datenverfügbarkeitsfrage. Wenn ein Spediteur nur per EDI-Datei angebunden ist, die er selbst implementieren und pflegen muss, entstehen genau die Medienbrüche, die eFTI eigentlich beseitigen soll. Eine "echte" API-Anbindung dagegen, bei der der TMS-Anbieter die Verbindung baut und wartet, liefert strukturierte, abrufbare Daten, ohne dass der Carrier zusätzliche IT-Ressourcen investieren muss. Genau diese Unterscheidung bestimmt diesen Vergleich.
Bewertungskriterien für diesen Vergleich
Alle sieben Anbieter werden nach denselben vier Kriterien eingeordnet, unabhängig davon, wie prominent der Name im Markt ist.
- Netzwerkgröße und regionaler Schwerpunkt: Anzahl angebundener Carrier, Fokus Europa/DACH oder global.
- Anbindungsart: vom Anbieter selbst gebaute API/EDI-Verbindung, Account-Layer über das Carrier-eigene Portal, oder Frachtbörsen-Modell für Spotkapazität.
- Zeit und Kosten, um einen bislang nicht angebundenen Carrier neu zu integrieren.
- Modus-Abdeckung (FTL, LTL, Paket, See-/Luftfracht) und DACH-Tauglichkeit in Sprache und Support.
Diese Dreiteilung der Anbindungsart stammt aus einer unabhängigen Analyse von acht TMS-Plattformen: Eine Carrier-Anbindung fällt in einen von drei Bereichen: eine direkte API/EDI-Verbindung, die der Anbieter selbst gebaut hat und wartet, eine Reseller- oder Account-Layer-Verbindung, bei der das eigene Portal des Carriers die eigentliche Arbeit übernimmt, während das TMS nur eine Oberfläche darüberlegt, oder ein Marktplatz-/Frachtbörsen-Modell, das Spotkapazität vermittelt statt eigene vertraglich vereinbarte Raten zu integrieren. Diese Unterscheidung sollte wörtlich in jede RFP-Frage zur Carrier Integration Software einfließen.
Sieben Plattformen für die Carrier-Anbindung im Detail
1. Transporeon (Trimble)
Transporeon betreibt eines der größten Logistiknetzwerke Europas. Das Netzwerk umfasst über 1.500 Verlader, Händler und über 210.000 Carrier. Das Geschäftsmodell basiert jedoch weniger auf vom Carrier selbst gebauten API-Verbindungen als auf einem Onboarding-Service: Transporeon bietet vollen Support. Ist einer Ihrer Carrier nicht im Netzwerk, übernimmt Transporeon die Ansprache und das Onboarding und kümmert sich um den Support in 25 Sprachen. Seit 2025 ergänzt das Transporeon Integrated App Program (TIAP) dieses Modell um direkte TMS-zu-TMS-Integrationen auf Carrier-Seite, was laut Anbieter den Aufwand für Einzelintegrationen deutlich senkt, da Einzelintegrationen für Carrier oft teuer, zeitaufwendig sind und häufig IT-Ressourcen erfordern, die nicht verfügbar sind. Mit TIAP findet die Integration auf Ebene des Carrier-TMS-Anbieters statt. Ist das einmal abgeschlossen, ist der Großteil der Arbeit bereits erledigt. Für Verlader heißt das: Großer Reichweitenvorteil, aber die Anbindungstiefe hängt davon ab, ob der konkrete Carrier bereits über TIAP oder einen Integrationspartner läuft.
2. MercuryGate / Infios
MercuryGate, seit der Übernahme durch Körber/KKR als Infios vermarktet, bedient vor allem größere Verlader und 3PLs. Der Zugang zu über 10.000 Carrier-Verbindungen läuft über EDI und API, wobei viele Verbindungen auf Standard-EDI-Formaten basieren, die der Carrier selbst implementieren muss. Bei einer neuen Anbindung zeigt sich der EDI-lastige Charakter deutlich: Das Hinzufügen neuer Carrier erfordert erheblichen Einrichtungsaufwand und kann zusätzliche Kosten verursachen. Preislich bewegt sich das Vertragsvolumen bei typischerweise 80.000 bis 250.000 US-Dollar jährlich, abhängig von Sendungsvolumen, Carrier-Anzahl und benötigten Integrationen. Für DACH-Mittelständler mit überschaubarem Carrier-Mix ist das oft ein Overkill.
3. E2open / BluJay TMS
E2open verweist auf das größte Netzwerk im Vergleich: Über 400.000 angebundene Parteien, darunter 6.000 Schienen- und Straßen-Carrier, 800 Seefrachtreeder, 200 Luftfrachtcarrier und 16.000 Spediteure. Die Anbindung läuft über abgestufte Abonnements: eConnect-, eConnect+- und LTLConnect-Abonnements enthalten EDI- und API-Verbindungen zum TMS. Ist der SCAC-Code eines Carriers einmal integriert, fällt für weitere Verlader keine zusätzliche Gebühr mehr an. Das spricht für Skaleneffekte bei etablierten Carriern, aber neue, bislang nicht angeschlossene Carrier bedeuten zusätzlichen Integrationsaufwand und Kosten. Reviewer bestätigen zudem den Komplexitätsgrad: Teams loben die Stabilität, warnen aber, dass weiterführende Anpassungen versierte Administratoren erfordern.
4. Alpega TMS
Alpega positioniert sich als europäische Mittelstandslösung und baut das Paketgeschäft aus: 2025 wurde Alpega MultiParcel gestartet, das zusätzlich über 1.000 Paketcarrier anbindet. Für Frachtcarrier gilt jedoch eine ähnliche Hürde wie bei MercuryGate: Während Carrier über ihr Portal leicht beitreten können, ist die Anfrage einer vollständig neuen API/EDI-Integration deutlich aufwendiger und teurer. Für Verlader mit stabilem, bereits angeschlossenem Carrier-Pool ist das unproblematisch, bei häufig wechselnden regionalen Spediteuren weniger.
5. 3Gtms / Pacejet
3Gtms hat sein Portfolio durch die Übernahme von Pacejet um Multi-Carrier-Shipping erweitert. Pacejet, gegründet 2003, war das erste Unternehmen mit einer cloudbasierten Shipping-Software für Mittelstand und größere Unternehmen, mit Echtzeit-Integrationen zwischen ERP- und WMS-Software statt reinem Paketfokus wie viele Wettbewerber. 3Gtms selbst bietet dazu einen proprietären Integration Hub, ein Carrier-Netzwerk und native ERP-Integrationen über einen eigenen Logistics Marketplace. Konkrete Zahlen zu Netzwerkgröße oder Onboarding-Dauer sind öffentlich nicht verfügbar, was die Bewertung für DACH-Käufer erschwert.
6. SAP TM / Oracle TM
Beide Enterprise-Suiten liefern Transportplanung und -abrechnung in großer Tiefe, lassen aber die Carrier-Anbindung bewusst außen vor. Für SAP TM gilt laut einem Integrationspartner ausdrücklich: Ein SAP Transportation Management System bietet enormen Mehrwert in Transportplanung und -abwicklung, die Verbindung und der Zugang zu Transportdienstleistern sind jedoch nicht enthalten. In der Praxis bedeutet das ein separates Integrationsprojekt, meist über einen Partner wie Transporeon, das als Oracle Gold Partner die reibungslose OTM-Anbindung von Carriern über die eigenen Logistikplattformen ermöglicht. Für Mittelständler mit begrenztem IT-Budget verlängert das die Time-to-Value spürbar, auch wenn die Kernsysteme selbst ausgereift sind.
7. Cargoson
Cargoson grenzt sich bewusst von den klassischen Carrier-/3PL-Netzwerken ab und richtet sich ausschließlich an Verlader: Die Software ist carrier-neutral, Nutzer bringen ihre eigenen Carrier-Verträge mit und laden ihre verhandelten Preislisten im vom Carrier vorgeschlagenen Format hoch. Bei der Anbindungsart liegt der Unterschied zu den meisten Wettbewerbern im Detail: Cargosons eigene Dokumentation beschreibt volle Carrier-API/EDI-Integrationen, bei denen alle Carrier tatsächlich integriert sind, im Unterschied zu Account-Layern, die lediglich das Portal eines Carriers einbetten. Das Angebot richtet sich gezielt an europäische Hersteller, Großhändler und Einzelhändler, ist vollständig neutral und tritt nie als Zwischenhändler auf, da Verlader ihre Carrier-Verträge direkt selbst verhandeln. Bei der Geschwindigkeit für neue Carrier zeigt sich der größte Unterschied zum Rest des Vergleichs: Neue Carrier-Integrationen werden kostenlos auf Anfrage hinzugefügt, ohne Einrichtungs- oder zusätzliche monatliche Gebühren. Carrier-Integrationen haben Priorität und lassen sich typischerweise innerhalb weniger Tage bis vier Wochen umsetzen, abhängig von der Kooperationsbereitschaft des Carriers. Die Kehrseite: Cargoson bringt nicht die Enterprise-Tiefe von MercuryGate oder E2open mit, weshalb Finanzstabilität und Referenzkunden Teil der Due Diligence bleiben sollten.
| Anbieter | Netzwerkgröße | Anbindungsart | Zeit bis neuer Carrier live | DACH-Eignung |
|---|---|---|---|---|
| Transporeon | 210.000+ Carrier, 1.500+ Verlader | Onboarding-Service / TIAP seit 2025 | Nicht veröffentlicht | Support in 25 Sprachen |
| MercuryGate / Infios | 10.000+ Carrier-Verbindungen | Überwiegend Standard-EDI | Erheblicher Einrichtungsaufwand | US-Schwerpunkt, DACH nicht öffentlich belegt |
| E2open / BluJay | 400.000+ Parteien, 6.000 Carrier | Abo-gestützte EDI/API-Stufen | Zusätzliche Kosten pro Integration | Nicht veröffentlicht |
| Alpega TMS | 1.000+ Paketcarrier (MultiParcel) | Portal-Beitritt einfach, API/EDI-Neuanbindung komplex | Nicht veröffentlicht | Europa-Fokus |
| 3Gtms / Pacejet | Nicht veröffentlicht | Proprietärer Integration Hub | Nicht veröffentlicht | Nicht veröffentlicht |
| SAP TM / Oracle TM | Carrier-Anbindung nicht nativ enthalten | Zusatzprojekt über Integrationspartner | Abhängig vom Partnerprojekt | Enterprise-Standard in DACH-Konzernen |
| Cargoson | 2.000+ Carrier-Integrationen | Vom Anbieter gebaute API/EDI | Tage bis 4 Wochen, kostenlos | Fokus europäische Hersteller/Großhändler |
Was die Zahlen für die Anbieterauswahl bedeuten
Eine große Netzwerkzahl beantwortet nicht die Frage, die bei der nächsten Ausschreibung wirklich zählt: Wie schnell ist genau der kleine, regionale DACH-Spediteur angebunden, den Sie tatsächlich einsetzen? Ein Netzwerk mit 400.000 Parteien hilft wenig, wenn Ihr bevorzugter österreichischer Stückgutpartner nicht dazugehört und die Neuanbindung ein kostenpflichtiges Zusatzprojekt auslöst, wie es bei E2open und Alpega für Nicht-Standardcarrier beschrieben wird.
Der zweite blinde Fleck liegt im Unterschied zwischen "Carrier ist im Netzwerk gelistet" und "Carrier ist per API live angebunden". Bei MercuryGate etwa läuft ein erheblicher Teil der 10.000+ Verbindungen über Standard-EDI, das der Carrier selbst implementieren muss, nicht über eine vom Anbieter gebaute und gepflegte API. Für die eFTI-Vorbereitung ist das relevant: Je nachdem, welche Anbindungsart Ihr TMS heute nutzt, unterscheidet sich der Aufwand, später eine zertifizierte eFTI-Plattform andocken zu müssen, erheblich. Eine saubere, vom Anbieter gewartete API-Schnittstelle lässt sich tendenziell leichter um einen weiteren Datenkanal ergänzen als ein Flickenteppich aus carrierspezifischen EDI-Dateien.
Checkliste für die RFP-Phase
Stellen Sie jedem Anbieter dieselben Fragen, bevor Sie Netzwerkzahlen vergleichen, denn die Zahl allein sagt nichts über Ihren konkreten Carrier-Mix aus.
- Wie viele Wochen dauert die Anbindung eines Carriers, der heute noch nicht im Netzwerk ist, in einer realistischen, nicht in einer Best-Case-Angabe?
- Steht für die Integrationsphase eine Testumgebung mit echten Carrier-Testdaten zur Verfügung, oder läuft der erste Test bereits im Produktivbetrieb?
- Welche Kosten fallen pro Neuintegration an, und sind diese einmalig oder laufend?
- Wo steht das Rechenzentrum, in dem Transport- und Frachtdaten verarbeitet werden, und wie wird die GoBD-konforme Archivierung der ausgetauschten Frachtdaten sichergestellt?
Gerade der letzte Punkt wird häufig übersehen: Wenn ein Carrier per API live Statusdaten liefert, müssen diese Daten ebenso revisionssicher archiviert werden wie klassische Frachtpapiere, auch wenn kein physisches Dokument mehr entsteht.
Fazit: So gehen Sie in die nächste Ausschreibung
Kein Anbieter in diesem Vergleich gewinnt gleichzeitig bei Netzwerkgröße, Anbindungstiefe, Geschwindigkeit und DACH-Eignung. Transporeon und E2open liefern die größte Reichweite, verlagern aber einen Teil der eigentlichen Integrationsarbeit auf Onboarding-Prozesse oder zusätzliche Abo-Stufen. MercuryGate und Alpega eignen sich für Verlader mit stabilem, bereits etabliertem Carrier-Portfolio, stoßen aber bei spontanen Neuanbindungen an Kosten- und Zeitgrenzen. SAP TM und Oracle TM liefern Planungstiefe, verlangen aber ein separates Carrier-Konnektivitätsprojekt. Cargoson positioniert sich am anderen Ende der Skala: kleineres Gesamtnetzwerk, dafür kostenlose, in Tagen bis Wochen realisierte API-Anbindungen neuer Carrier.
Für die praktische RFP-Arbeit heißt das: Verlangen Sie von jedem Anbieter eine schriftliche Zusage zur Anbindungsart (API/EDI vom Anbieter gebaut vs. Account-Layer vs. Marktplatz) und zur Integrationsdauer für mindestens einen konkret benannten, noch nicht angebundenen DACH-Carrier aus Ihrem eigenen Portfolio. Nur so lässt sich vor Vertragsunterschrift überprüfen, ob die Plattform auch 2027 noch so viel eFTI-taugliche Datenqualität liefert, wie die Netzwerkzahl im Pitch verspricht.