Frachtausschreibungssoftware: 7 Tools im DACH-Vergleich
7 Plattformen für Frachtausschreibungen im Vergleich: Netzwerkgröße, Rechenzentrum, ERP-Anbindung und CO2-Daten nach DACH-Kriterien bewertet.
Was eine Ausschreibungsplattform heute leisten muss
Frachtausschreibungssoftware ist 2026 nicht mehr nur ein Excel-Ersatz für die jährliche Tender-Runde. CSRD-Berichtspflichten verlangen CO2-Daten pro Lane schon bei der Vergabe, nicht erst bei der Auswertung am Jahresende. Wer heute eine Frachtausschreibungssoftware auswählt, kauft damit faktisch auch die Datenbasis für das kommende Nachhaltigkeitsreporting mit ein. Dieser Beitrag vergleicht sieben Tendermanagement-Plattformen nach Kriterien, die für Einkäufer in Deutschland, Österreich und der Schweiz tatsächlich entscheidungsrelevant sind: Rechenzentrumsstandort, Sprachsupport, ERP-Anbindung und CO2-Daten je Lane.
Der Markt hat sich konsolidiert. Marktführer Transporeon sitzt in Ulm und wurde am 3. April 2023 von Trimble in einer All-Cash-Transaktion übernommen, wobei der gesamte Kaufpreis 1,9 Milliarden Euro beziehungsweise 2,1 Milliarden US-Dollar betrug. Parallel dazu bietet TIMOCOM aus Erkrath Ausschreibungsfunktionen direkt in der eigenen Frachtenbörse an, nutzt also ein anderes Geschäftsmodell als die reinen Tender-Spezialisten.
Die Kriterien: fest vorgegeben, gleich angewendet
Jede der sieben Plattformen wird nach denselben sechs Kriterien bewertet, unabhängig davon, wie gut sie sich in der eigenen Werbung präsentiert:
- Netzwerkgröße und Carrier-Reichweite in Europa
- Rechenzentrumsstandort und Support-Sprache (DSGVO-Relevanz)
- ERP/TMS-Anbindung, insbesondere zu SAP
- Automatisierungstiefe: Excel-Ersatz, Optimierungs-Engine oder agentenbasiertes Bidding
- CO2-/ESG-Daten je Lane für CSRD-Anschlussfähigkeit
- Preistransparenz: öffentlich einsehbar oder nur auf Anfrage
Vorab ein Hinweis zur Preistransparenz: Keiner der sieben Anbieter veröffentlicht öffentliche Preislisten für das Tender-Modul. Das ist in diesem Marktsegment Standard, nicht die Ausnahme.
Die sieben Plattformen im Einzelnen
1. Transporeon (Trimble)
Transporeon ist die Enterprise-Plattform mit dem größten Carrier-Netzwerk im Markt. Zum Zeitpunkt der Übernahme durch Trimble betrieb Transporeon das größte globale Frachtnetzwerk mit mehr als 1.400 Verladern und Einzelhändlern sowie mehr als 150.000 Spediteuren und Logistikdienstleistern. Ein unabhängiger Vergleich bestätigt diese Positionierung und beschreibt Transporeon als die Plattform mit dem größten Carrier-Netzwerk für Ladungsausschreibungen, am stärksten dort, wo Tender-Reichweite und Kapazitätssicherung zählen.
Für wen: Konzerne und große Mittelständler mit europaweitem Speditionsnetzwerk und Bedarf an Freight Audit sowie Dock-Scheduling aus einer Hand.
Kosten: nicht öffentlich, Enterprise-Preisgefüge.
Schwäche: Seit der Integration in den Trimble-Konzern ist die mittelfristige Produkt-Roadmap für das deutsche Kerngeschäft weniger transparent als zu Zeiten des eigenständigen Ulmer Unternehmens. Kleinere Mittelständler berichten von Komplexität, die über den eigenen Bedarf hinausgeht.
2. Alpega (TenderEasy / Transwide / Ticontract)
Alpega bündelt sein Tender-Modul TenderEasy mit der TMS-Suite Transwide. Das Besondere für DACH-Einkäufer mit CSRD-Pflicht: TenderEasy berechnet CO2-Emissionen pro Lane und bewertet die Umweltleistung von Spediteuren, sodass nachhaltige Frachtbeschaffung zur Standardpraxis wird. Zusätzlich lässt sich die Plattform so konfigurieren, dass Ausschreibungen ausschließlich an bereits geprüfte Vertragspartner gehen, was Compliance-Anforderungen erleichtert.
Für wen: Verlader mit bestehender ESG-Berichtspflicht, die Spot- und Kontraktgeschäft in einem Modul abbilden wollen.
Kosten: auf Anfrage.
Schwäche: Die Modularität aus mehreren zusammengeführten Marken (inet, Transwide, Ticontract) macht die Einarbeitung für kleinere Teams aufwendiger als bei fokussierteren Tools.
3. TIMOCOM
TIMOCOM unterscheidet sich strukturell von den übrigen sechs Anbietern: Es ist primär eine Frachtenbörse, die Ausschreibungen als Zusatzfunktion integriert hat. Während Frachtenbörsen vor allem kurzfristige Aufträge sichtbar machen, zielen Ausschreibungsplattformen stärker auf regelmäßige Transporte, bei denen Auftraggeber Transportbedarfe veröffentlichen, auf die sich Speditionen bewerben können. TIMOCOM selbst positioniert seine Ausschreibungen als Möglichkeit, Geschäftspartner für regelmäßige Transporte zu finden, die im Gegensatz zum schnelllebigen Spotmarkt Stabilität und Planungssicherheit bieten. Das Unternehmen bietet zudem Schnittstellen zu bestehenden ERP- oder Transportmanagementsystemen, um Arbeitsabläufe zu automatisieren.
Für wen: Speditionen und Verlader, die ohnehin die TIMOCOM-Frachtenbörse nutzen und Ausschreibung als Ergänzung wollen, nicht als eigenständigen Prozess.
Kosten: monatliche Flatrate, die sich nach Nutzerzahl, Mindestvertragslaufzeit und Zahlungszyklus richtet, Preise werden direkt verhandelt.
Schwäche: Der Spotmarkt-Reflex dominiert das Produkt. Für strukturierte Jahresausschreibungen mit mehreren Bietrunden fehlt die Tiefe spezialisierter Tender-Tools.
4. Transmate
Transmate ist eine belgische Kollaborationsplattform, bei der das Tender-Modul Teil eines breiteren Pakets aus TMS, Ratenmanagement und Invoice Audit ist. Laut Produktbeschreibung unterstützt die Software Transport-, Beschaffungs- und Kollaborationsprozesse, ermöglicht die Planung und Optimierung von Fracht und Sendungen und automatisiert Ausschreibungs- und Sourcing-Aktivitäten. Zu den Spezialitäten zählen laut Unternehmensprofil auch Rate Management, Rate Tendering, Rate Simulations, Optimization sowie CO2-Berechnungen.
Für wen: Mittelständler, die TMS und Tendering nicht getrennt einkaufen wollen.
Kosten: modulares Preismodell, bei dem Nutzer für einzelne Funktionen bezahlen, meist als Abo mit Preisstaffeln nach Nutzerzahl, aktivierten Funktionen und Transaktionsvolumen.
Schwäche: Deutlich geringere Marktpräsenz in DACH im Vergleich zu Transporeon oder Alpega. Das Unternehmen selbst gibt eine Größe von nur wenigen Dutzend Mitarbeitenden an.
5. Freightender
Freightender ist ein reiner Cloud-Spezialist für Ausschreibungen über alle Verkehrsträger hinweg. Die Positionierung ist klar: Freightender ist eine cloudbasierte Beschaffungsplattform für Sourcing und Tendermanagement über mehrere Verkehrsträger hinweg und fokussiert sich auf die Einkaufsseite, also RFIs, RFQs und Mini-Tender zur Beschaffung und zum Vergleich von Frachtraten. Ein weiterer Vergleich bestätigt diese Nische: Freightender setzt gezielt auf strukturierte RFQ- und Mini-Tender-Workflows auf der Einkaufsseite, nützlich wenn die Herausforderung der saubere Vergleich von Frachtraten ist.
Für wen: Einkaufsteams, die schnelle, wiederholbare Mini-Ausschreibungen über Straße, Luft und See brauchen, ohne eine volle TMS-Suite.
Kosten: nicht öffentlich.
Schwäche: Kein eigenes Freight Audit und keine Ausführungsebene. Nach Vergabe endet die Funktionalität.
6. Keelvar
Keelvar ist der Optimierungsspezialist unter den sieben Plattformen, mit Fokus auf komplexe Multi-Lane-Ausschreibungen. Die Einordnung in einem aktuellen Vergleich: Keelvar bietet erstklassige kombinatorische Optimierung für komplexe Multi-Lane-, Multimodal-Ausschreibungen, mit agentenbasierten Sourcing-Bots. Das Unternehmen selbst gibt an, über 150 aktive autonome Sourcing-Bots zu betreiben, die mehr als 90 Milliarden US-Dollar an Ausgabenvolumen verwalten. Ein weiterer Anbietervergleich warnt jedoch: Keelvar ist die stärkste Option für komplexe Award-Szenario-Optimierung bei großen Carrier-Panels, aber Overkill für einen Verlader mit einfachen Billigstbieter-Vergaben auf 20 Lanes.
Für wen: Große Konzerne mit mehreren Hundert Lanes und komplexen Mehrrunden-Ausschreibungen.
Kosten: Enterprise, nur auf Anfrage.
Schwäche: Für den klassischen Mittelstand in DACH überdimensioniert, sowohl funktional als auch preislich.
7. SAP TM (Tendering-Modul)
SAP TM bringt Ausschreibungsfunktionen direkt in die bestehende SAP-Transportmanagement-Landschaft ein, über Broadcast- und Peer-to-Peer-RFQs. Die treffende Charakterisierung aus einem Branchenvergleich: SAP TM bietet Enterprise-Tendering innerhalb des TMS mit Broadcast- und Peer-to-Peer-RFQs, am besten für Teams, die auf SAP standardisiert sind.
Für wen: SAP-Bestandskunden, die keine zusätzliche Plattform einführen wollen und die IDoc-Anbindung an bestehende S/4HANA-Landschaften bereits betreiben.
Kosten: an SAP-TM-Lizenzierung gekoppelt, nicht separat einsehbar.
Schwäche: Ergibt nur Sinn bei bestehender SAP-TM-Infrastruktur. Ohne diese Basis ist die Einführung unverhältnismäßig aufwendig gegenüber spezialisierten Tools.
Schnellvergleich auf einen Blick
| Anbieter | Herkunft | ERP-Anbindung | Automatisierungstiefe | CO2-Daten je Lane | Preismodell |
|---|---|---|---|---|---|
| Transporeon | Ulm (DE), seit 2023 Trimble (USA) | Breite ERP/TMS-Integration | Netzwerk + Autonomous Procurement AI | Vorhanden, Detailtiefe nicht öffentlich dokumentiert | Nicht öffentlich |
| Alpega | EU, mehrere Marken konsolidiert | SAP-Fusion-Anbindung beworben | Automatisierter Tender-Zyklus | Ja, CO2 je Lane plus Carrier-Score | Nicht öffentlich |
| TIMOCOM | Erkrath (DE) | ERP/TMS-Schnittstellen vorhanden | Frachtenbörse mit KI-Funktionen, Tender als Zusatz | Nicht als Kernfunktion ausgewiesen | Monatliche Flatrate, verhandelt |
| Transmate | Berchem (BE) | ERP-Erweiterung möglich | Assistiertes Tendering, Simulation | CO2-Berechnung als Spezialität genannt | Modular nach Nutzern/Volumen |
| Freightender | EU, Cloud-Spezialist | Nicht als Kernstärke beworben | Strukturierte RFI/RFQ/Mini-Tender | Nicht öffentlich dokumentiert | Nicht öffentlich |
| Keelvar | Irland | API zu ERP und TMS | Kombinatorische Optimierung, Agentic Bidding | Teil der Bewertungskriterien möglich, nicht Kernfeature | Enterprise, Quote-basiert |
| SAP TM | Walldorf (DE) | Nativ in SAP-Landschaft | Broadcast/Peer-to-Peer-RFQ | Abhängig von SAP-Zusatzmodulen | An SAP-Lizenz gekoppelt |
Wo die Ausschreibung endet und die Ausführung beginnt
Ein Tender-Tool vergibt Kontrakte. Es übernimmt aber in der Regel nicht die tägliche Buchung, Statusverfolgung oder Dokumentenerstellung für die vergebenen Lanes. Das ist eine andere Software-Kategorie: Transport Execution beziehungsweise Multi-Carrier-TMS.
Alpega selbst grenzt die eigenen Module sauber ab und unterscheidet zwischen Transport Execution als separatem Bereich und TenderEasy, das den Tender-Management-Prozess vereinfacht. Genau an dieser Nahtstelle setzt die Ausführungsebene an, die nach der Vergabe greift. Neben etablierten Execution-Plattformen wie MercuryGate, Descartes oder FreightPOP positioniert sich hier auch Cargoson, ein carrier-neutrales Multi-Carrier-TMS aus Tallinn. Das Unternehmen beschreibt sein eigenes Geschäftsmodell so: Cargoson ist eine carrier-neutrale Plattform, Kunden behalten ihre eigenen Speditionsverträge und Raten, und laut Produktprofil ermöglicht es Anwendern, von einem konsolidierten Dashboard aus Preise, Transitzeiten und CO2-Emissionen zu vergleichen, Ad-hoc-Angebote anzufragen, Sendungen zu buchen und Exportdeklarationen zu erstellen.
Der Unterschied zu den sieben oben genannten Tender-Tools ist strukturell: Cargoson setzt nicht an der Carrier-Auswahl an, sondern an der täglichen Anbindung bereits vergebener Spediteure, über mehr als 2.000 Carrier-Integrationen über alle Frachtmodi hinweg sowie ERP-Integrationen mit Microsoft Dynamics 365, Oracle NetSuite, SAP und Odoo. Für DACH-Mittelständler, die nach einer Transporeon- oder Alpega-Ausschreibung die laufende Buchung mehrerer Dutzend Spediteure konsolidieren wollen, ist das der relevante nächste Schritt, nicht ein Ersatz für das Tender-Tool.
DACH-spezifische Fallstricke bei der Auswahl
Drei Punkte verdienen vor Vertragsunterschrift besondere Prüfung:
- DSGVO und Lieferantendaten: Ausschreibungsdaten enthalten Preise und Konditionen von Vertragspartnern. Bei Anbietern mit Rechenzentrum außerhalb der EU oder mit Konzernmutter in Drittstaaten (etwa Transporeon unter Trimble, Hauptsitz Colorado) lohnt die vertragliche Klärung, wo Ausschreibungsdaten tatsächlich gespeichert werden.
- GoBD-Archivierungspflicht: Vergabeentscheidungen und die zugrundeliegenden Ausschreibungsunterlagen unterliegen in Deutschland der Aufbewahrungspflicht. Prüfen Sie vor Vertragsabschluss, ob die Plattform einen vollständigen, unveränderbaren Export der Tender-Historie inklusive aller Bieterrunden ermöglicht.
- KI-gestützte Preisvorschläge: Mit zunehmendem Einsatz von KI-Funktionen bei der Angebotsbewertung, etwa bei TIMOCOM AI oder Keelvars Sourcing-Bots, wird die Einordnung nach EU-AI-Act relevant. Klären Sie, ob der Anbieter eine Risikoeinstufung für sein KI-Modul dokumentiert.
Entscheidungshilfe nach Unternehmensgröße
Konzerne mit bestehender SAP-TM-Landschaft prüfen zuerst das native SAP-Tendering-Modul, bevor sie eine zusätzliche Plattform einführen. Unternehmen mit mehreren Hundert Lanes und komplexen Bieterszenarien kommen an Keelvar oder Transporeon kaum vorbei. Der klassische DACH-Mittelstand mit überschaubarer Lane-Zahl und dem Wunsch nach CO2-Daten für die CSRD-Berichterstattung findet bei Alpega oder TIMOCOM ein passenderes Preis-Leistungs-Verhältnis als bei den Enterprise-Lösungen.
Unabhängig von der Wahl des Tender-Tools: Klären Sie vor der Ausschreibung, wie die vergebenen Lanes anschließend operativ angebunden werden. Wer diese Frage erst nach der Vergabe stellt, verliert genau die Zeitersparnis wieder, die das Tender-Tool ursprünglich bringen sollte.